


Dieses Mal ohne Aufschlagfehler?
Gewisse Startschwierigkeiten bei den großen Elektromodellen EX90 und ES90 leugnen sie nicht bei Volvo, und auch dass der kompaktere EX30 im Innenraum nicht allen gefällt, ist den Schweden bewusst. Mit dem neuen EX60 wollen sie jetzt alles besser machen – von Anfang an.
Von Paul-Janosch Ersing
Keine sphärischen Klänge beim Tritt aufs Fahrpedal, keine gruseligen Außen-Sounds zur Belustigung der Umwelt, kein Beifahrer-Display – und im Innern nur ein sehr dezenter Einsatz von LED-Ambientelicht: Volvo macht bei seinem neuen Hoffnungsträger EX60 vieles ganz anders als so manche Geschwistermarke innerhalb des chinesischen Geely-Konzerns und geht eigene Wege, beispielsweise beim Verzicht auf herkömmliche Türgriffe außen und auf ein Sonnenrollo für das große Glasdach innen oder beim Weglassen eines Head-up-Displays für den Fahrer. Je länger man sich im Detail mit dem im Stammwerk Torslanda bei Göteborg produzierten Elektro-SUV beschäftigt, desto mehr kann man von der erhaltenen Eigenständigkeit der Traditionsmarke entdecken. Man spürt sofort, dass hier ein Volltreffer auf die Straße rollen soll – auf Augenhöhe mit der deutschen Premium-Konkurrenz.
Still und leise. Auf den ersten Kilometern beeindruckt der Volvo EX60 (in der Motorisierung P10 AWD) mit einer erstaunlichen Stille und einer auffallend komfortablen Fahrwerksabstimmung – ohne dabei allzu sanft über die von Baustellen geplagten Straßen Hamburgs zu schaukeln. Nach rund 50 Kilometern im hanseatischen Ballungsgebiet meldet der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 13,8 Kilowattstunden pro einhundert Kilometer. Auf der Autobahn sind solcher Werte selbstverständlich unerreichbar.
Da, wo beim EX30 gähnende Leere herrscht, beziehungsweise eine Art Sound-Bar für akustische Unterhaltung sorgt, sitzt beim EX60 ein gut dimensioniertes Fahrerdisplay – nicht zu groß und nicht zu klein also (11,4 Zoll). Ähnlich wie seit vielen Jahren bei Peugeot ist das unten und oben abgeschrägte Lenkrad auf ein Mindestmaß geschrumpft, sodass man jetzt darüber hinweg auf die fahrrelevanten Daten blickt. Volvo meint, sich durch diese für die Marke neue Anordnung ein Head-up-Display sparen zu können. Wer sich in seinem Leben schon mal mit Plus- und Minus-Dioptrien beschäftigt hat, weiß, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Aber die weit nach unten gesetzte und mit ansprechenden Materialien verzierte Armaturentafel sieht definitiv gut aus in ihrer skandinavischen Schlichtheit.
Altes neu gedacht. Dort, wo in den vergangenen gefühlt einhundert Jahren das Handschuhfach platziert war, ist beim EX60: nix. Denn das vordere Staufach ist in die Fahrzeugmitte gewandert und hat eher die Abmessungen und das Fassungsvermögen eines Einbauküchen-Mülleimers – immerhin mit dem Vorteil, dass der Fahrer ohne große Verrenkungen an den dort mitgeführten Inhalt kommt. Ein weiteres Staufach – tatsächlich als herausnehmbarer Eimer ausgeführt – befindet sich übrigens unter dem Gepäckraumboden.



Die Bedienung der unterschiedlichsten Fahrzeugfunktionen geschieht ziemlich Tesla-esk fast ausschließlich über den 15-Zoll-Zentralbildschirm. Hier verlässt sich Volvo zudem nach wie vor ein bisschen zu sehr auf die logischen und gestalterischen Fähigkeiten von Google. Vielleicht sieht die Welt in ein paar Jahren wieder anders aus und echte Schalter und Tasten erleben auch bei Volvo die Renaissance, die sie aus Gründen der Ergonomie und Sicherheit verdienen. Am Multifunktionslenkrad klappt das im EX60 schon ganz prima. Gleichsam Hingucker wie Handschmeichler: die Lautstärke-Walze aus geschliffenem Glas.
Lebenslang besser werden. Der EX60 ist die erste Baureihe auf der SPA3-Plattform, bei deren Entwicklung Verbrennungsmotoren keine Rolle gespielt haben: Der Fokus lag allein auf dem Elektroantrieb. Durch Over-the-Air-Updates soll das Auto über seinen Lebenszyklus immer besser werden. Was genau das bedeutet und ob die Elektronik Wort hält, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen.
Eine weitere wichtige Neuerung befindet sich unterm Blech: Der Stromspeicher ist direkt in die Karosseriestruktur integriert (Cell-to-Body). Dadurch ergeben sich Gewichtsvorteile (70 Kilogramm) und spürbar mehr Bauraum. Die Fond-Passagiere erleben das sofort, wenn sie ihre Füße ganz entspannt unter den Vordersitzen ausstrecken können. Allzu ausgedehnte Ladepausen kommen dafür allerdings kaum in Frage: Denn dank der 800-Volt-Technik füllt der EX60 seinen Akku in zehn Minuten für weitere 340 Kilometer – mit maximal 370 kW Ladeleistung. Ein 22-kW-Lader für den Besuch an der städtischen AC-Säule ist ebenfalls an Bord.
Drei Akkugrößen, zwei Antriebsarten. Die Preise beginnen bei 62.990 Euro. Als Akku-Größen stehen 80, 92 oder 112 kWh (nutzbar) zur Verfügung – je nach gewählter Antriebsart beziehungsweise Motorleistung. Die stärkste Variante mit Allrad kommt auf 680 PS/500 kW – deutlich mehr, als es aktuell elektrisch bei BMW oder Mercedes-Benz gibt.
Warum ein Hersteller mit einem ausgeprägten Sicherheitsverständnis, der seit vielen Jahren sogar die Höchstgeschwindigkeit seiner Fahrzeuge freiwillig auf 180 km/h begrenzt, bei der Leistung so übers Ziel hinausschießt, bleibt eines der größten Rätsel seit der Entdeckung von Taka-Tuka-Land.
Autogramm
Volvo EX60 P6
Typ: SUV; Preis: 62.990 Euro; Länge: 4,80 Meter; Breite: 1,90 Meter; Höhe: 1,64 Meter; Radstand: 2,97 Meter; Leergewicht: 2190 Kilogramm; Zuladung: 460 Kilogramm; Kofferraum: 634-1647 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 374 PS/275 kW; Drehmoment: 480 Newtonmeter; Spitze: 180 km/h; 0 auf 100 km/h: 5,9 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität (nutzbar): 80 Kilowattstunden (kWh); Reichweite: 611 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 22 kW: 4 Stunden, Ladestation Gleichstrom 320 kW: 16 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch: 14,9 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß (deutscher Strommix 2025: 344 g/kWh): 51 Gramm/Kilometer.
