


Stauraum wie ein Großer
Die zum chinesischen SAIC-Konzern gehörige ehemals britische Marke MG war bis Ende 2025 bei uns erfolgreichster Anbieter aus dem Reich der Mitte, hat diesen Platz aber im ersten Halbjahr 2026 an BYD abgeben müssen. Nun erweitert und verdichtet MG sein Modellprogramm, unter anderem mit dem MG4 EV Urban, den wir getestet haben.
Von Bernd-Wilfried Kießler
Was ist das für ein Auto? Die MG-Marketingleute versuchen, sich mit der Typbezeichnung des MG4 EV Urban an den Markterfolg des seit 2022 angebotenen und kürzlich modellgepflegten kompakten MG4 anzuhängen. Aber die beiden Autos haben wenig Ähnlichkeit miteinander – weder äußerlich noch technisch. Während den Designern mit dem MG4 ein ausdrucksvoller zackiger Hingucker gelungen ist, kommt das Modell mit dem Beinamen Urban („städtisch“) gesichtslos und glattgeschliffen wie das berühmte Seifenstückchen daher. Lediglich die Heckpartie lenkt die Blicke auf sich. Das Auto ist elf Zentimeter länger, hat fünf Zentimeter mehr Radstand und kleinere Akkus als der ursprüngliche Namensgeber und fährt in einer völlig anderen Preisklasse: Während der MG4 ab 42.990 Euro zu haben ist, beginnen die Listenpreise für den MG4 EV Urban bei 24.990 Euro. Mit staatlichem Zuschuss kann man also unter die 20.000-Euro-Grenze abtauchen.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Viel ist den Innenraumgestaltern nicht eingefallen, Farblosigkeit ist Trumpf. Leisten in Chromdesign und hellgraue Polsterung der Sitzflächen und Lehnen versuchen etwas Abwechslung in den eher dunklen Anblick zu bringen. Der helle Bezug von Dachsäulen und -himmel verhindert den Eindruck einer Höhle. Über den Bildschirm in der Mitte der Armaturentafel wird vieles, aber nicht alles geregelt, wobei einige Funktionen dauerhaft am unteren Rand angetippt werden können. Darunter gibt es noch drei kleine Schalter, deren Kennzeichnung aber bei bestimmtem Lichteinfall nicht zu erkennen ist. Das könnte einen besonders bei der plötzlichen Betätigung der Warnblinkanlage in Schwierigkeiten bringen, deren Schalter immer ins Auge fallen sollte – am besten groß und in Rot.
Die Hinterbänkler haben reichlich Beinfreiheit, am schmalen Platz in der Mitte gibt’s nur einen festen Kopfstützenstummel – ungeeignet für Hochgewachsene. Die Kopffreiheit ist angesichts einer Außenhöhe von 1,55 Meter überall gut.
Was für einen Antrieb hat das Auto? Im Gegensatz zu seinem Namensvetter MG4, der von seinen Hinterrädern geschoben wird, zieht der MG4 Urban als Fronttriebler seiner Wege. Seine Energie wird in einem Lithium-Eisenphosphat-Akku (LFP) gespeichert, dessen Kapazität in unserem Testwagen 54 Kilowattstunden betrug. An einem 32 Grad heißen Sommertag wurde uns nach einer Ladung von 50 auf 100 Prozent binnen 40 Minuten eine Reichweite von 445 Kilometer vorhergesagt, fast dreißig Kilometer mehr als der meist utopische WLTP-Normwert.

Einen Startknopf sucht man vergebens – das Auto ist fahrbereit, wenn man sich mit dem Schlüssel ins Innere begeben hat. Die Fahrtrichtungen werden mit einem Hebel an der Lenksäule angesteuert, wie man ihn von Mercedes-Modellen mit Automatikgetriebe kennt. Dann schleichen die 160 Pferdestärken so leise wie zügig los, sobald man das Fahrpedal drückt, bringen den Wagen unter zehn Sekunden auf Tempo 100 und werden bei 160 km/h zum Wohle des Stromverbrauchs elektronisch ausgebremst. Ganz nebenbei dient dieser Abschied von der Raserei der Sicherheit. Im langfristigen Mittel zeigt der Bordcomputer 14,8 kWh auf 100 Kilometer an, eine halbe Kilowattstunde unter dem WLTP-Normverbrauch. Auf einer Fahrt ohne Autobahnanteil nur in der Stadt und über Land kamen wir auf erstaunliche 10,2 kWh, wobei Temperaturen um die 30 Grad herrschten, mithin die Klimaautomatik im Dauerbetrieb arbeitete. Wer sparsam fahren will, muss bei jedem Neustart auf dem großen Bildschirm auf Eco tippen, sonst geht’s mit Normal los. Zur Wahl stehen außerdem Sport und Schnee. Den Fahrwerksingenieuren ist eine ausgewogene Abstimmung von Federung, Dämpfung und der daraus resultierenden Straßenlage gelungen.
Was bietet dieses Auto? Zuvörderst muss hier das Fassungsvermögen des Kofferraums genannt werden: Mit 568 Litern stellt der 4,40 Meter lange (Das gilt heutzutage als Kompaktwagen!) MG4 EV Urban nicht nur den drei Zentimeter kürzeren Astra Electric von Opel weit in den Schatten, sondern bietet sogar dem 26 (!) Zentimeter längeren Enyaq von Skoda Paroli – beides Marken, die über viele Jahre mit dem Stauraum ihrer Produkte punkteten. Der mobile Kofferraumboden kann in zwei Höhen befestigt oder ganz herausgenommen werden, wenn es etwa auf die große Reise geht oder im Alltag größere Gegenstände transportiert werden sollen. Allerdings muss alles auf 80 Zentimeter Ladekantenhöhe gewuchtet werden.
An der Ausstattung spart MG auch bei diesem Fahrzeug nicht, muss man auch nicht angesichts der deutlich niedrigeren Gestehungskosten in China, die dort Verkaufspreise ermöglichen, die zwischen 50 und 100 Prozent unter denen in Deutschland liegen. Schon im Active-Einstiegsmodell ab 24 990 Euro gibt’s unter anderem Beschallung und Navigation, Klimaautomatik, Rückfahrkamera, LED-Scheinwerfer sowie Sicherheitssysteme wie Spurhalte- und Totwinkelassistent serienmäßig. In der Premium-Ausstattung unseres Testwagens sind die Leichtmetallfelgen von 16 auf 17 Zoll gewachsen, ist das Lederlenkrad ebenso wie die Vordersitze beheizbar, klappen die Außenspiegel an und können sich die Hinterbänkler hinter getöntem Glas verstecken. Die Chinesen haben Vertrauen in ihre Fertigungsgüte und bieten sieben Jahre Garantie.
Autogramm
MG4 EV Urban Premium
Typ: Kompaktwagen; Preis: 33.690 Euro; Länge: 4,40 Meter; Breite: 1,84 Meter; Höhe: 1,55 Meter; Radstand: 2,75 Meter; Leergewicht: 1595 Kilogramm; Zuladung: 375 Kilogramm; Kofferraum: 568/1364Liter; Sitze: 4+1;Antrieb: Elektromotor; Leistung: 160 PS/118 kW; Drehmoment: 250 Nm; Spitze: 160 km/h; 0 auf 100 km/h: 9,5 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Eisenphosphat-Akku; Batteriekapazität: 54 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): bis zu 416 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 4 Stunden, 15 Minuten; Ladestation Gleichstrom 87 kW: 28 Minuten (10-80 Prozent), Normverbrauch (WLTP): 15,3 kWh/100 km; entsprechender CO2-Ausstoß (deutscher Strommix 2025: 344 g/kWh): 52,6 g/km, Testverbrauch: 14,5 kWh/100 km.


(Foto: bwk)
