Das Ende des langen Ladens

Mit dem P7+ Long Range landet der chinesische Hersteller Xpeng einen Preis- und Ladeleistungscoup zum Aufmerken. Denn in der Liga gehobener Elektro-Limousinen hat er damit derzeit ein mehr als attraktives Angebot. Spannend allemal: unsere gemischten Erfahrungen im Gesamtpaket.

Von Gundel Jacobi

Porträt von Gundel Jacobi

Was ist das für ein Auto? Wer es genießt, mit seinem Auto Aufmerksamkeit zu erregen, dürfte mit der chinesischen Limousine gut bedient sein. Man kann förmlich die Gehirnzellen der Betrachtenden arbeiten sehen, wenn sie den P7+ anschauen, dann stutzen, weil sie ihn nicht kennen und schließlich wohlgefällig die Blicke drüber und nach drinnen(!) schweifen lassen. Letzteres haben wir auf einem Ausflugscafé-Parkplatz mehrfach beobachten können. Tatsächlich fällt die schnittig gezeichnete Limousine mit großer Heckklappe aus allen Blickwinkeln auf, intuitiv ist zu erkennen, dass sie einen sehr positiven Luftwiderstandsbeiwert haben könnte: 0,21 ist grandios und wirkt sich vermindernd auf den Stromverbrauch aus! Markant sind am Bug die schachtartigen Scheinwerfer sowie etwas weiter oben die durchgezogene Tagfahrleuchten-Leiste – und als elegante Krönung: die beiden angehobenen äußeren Rundungen auf der Haube.

Seitlich zieht sich die flott wirkende Form über ein coupéartig abfallendes Dach nach hinten: Aus dieser Perspektive sind die fünf Meter Länge ziemlich beeindruckend. Das Heck ist nicht zuletzt durch seine gewollte Masse ein Hingucker, fein platziert wirkt der dort prominent draufgesetzte Heckklappenspoiler. Direkt darunter befindet sich im Inneren der große Kofferraum – mit 573 bis 1931 Liter bei umgeklappten Rücklehnen ist das auch für einen Fünf-Meter-Kawenzmann eine Ansage! Eine Frage bleibt: Warum hat man zum Verstauen wenigstens des Ladekabels auf einen Frunk im Vorderwagen verzichtet? Vielleicht das Erstaunlichste zum Kapitelschluss: Der in China entwickelte Wagen ist zumindest teilweise ein Österreicher, da er bei Magna Steyr in Graz produziert wird und so EU-Einfuhrzölle vermeidet.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Das Innere ist geschmackvoll mit schick wirkenden Materialien bis hin zum unaufdringlichen Ambientelicht. Das Gestühl erfüllt  die Erwartungen an eine bequeme Polsterung – genau die richtige Mischung aus weich und stützend. Hervorragend sind die Fondpassagiere untergebracht, was natürlich dem Drei-Meter-Radstand der Limousine zu verdanken ist. Die Beinfreiheit gleicht dem Raumgefühl wie in einem Chauffeurswagen – und nach der Sitzverstellung gelingt vortrefflich ein Schläfchen mit etwas herabgelassener Rücklehne. Wenn wir ein bisschen genauer hinfühlen: Die Füße passen gerade so unter die Vordersitze. Auffällig ist dort hinten ein kleiner Bildschirm zwischen den Vordersitzen, auf dem das Klima im Fond gesteuert wird, womit wir die Platzbetrachtung in aller Großzügigkeit erfolgreich zu den Akten legen.

Ein Blick ins Cockpit bestätigt die Erkenntnis, wie gerne die Chinesen diesen Bereich blank von Bedieneinheiten jenseits des Zentralbildschirms halten. Nahezu alles wird über den Monitor gesteuert – auch die Außenspiegeleinstellung, deren Feinabstimmung über die beiden Drehrädchen am Lenkrad zu bewerkstelligen sind. Klar, auch die Sprachsteuerung steht hilfreich bei, sofern sie die Wünsche versteht, was gar nicht so selten misslingt – und sei es nur, den richtigen Radiosender einzustellen. Das nervt, und wir wünschen uns – trotz Menü-Schnellzugriffelemente – unverändert dringlich diverse Tasten oder Schalter.

Eine weitere Wohlfühl- und Alltagsbeeinträchtigung betrifft das Assistenz-Kontrollzentrum im P7+. Hinweise mit Klingeltönen, aufploppende Warnmeldungen und zurechtweisende Sprachanweisungen mindestens im Minutentakt sind einfach des Guten zuviel. Warum uns am laufenden Band die Meldungen „Auf die Straßenverhältnisse achten“ und „Der Fahrer reagiert nicht“ übermittelt wurden, wird ein ewiges Rätsel bleiben. Ganz seltsam war bei Nacht auf gerader Strecke auf der Autobahn wiederholt die Aufforderung, an den Fahrbahnrand zu fahren – und als wir dies nicht taten, die automatische Aktivierung der Warnblinkanlage. Hier wurde uns schon etwas mulmig.    

Welchen Antrieb hat das Auto? Man hat die P7+-Wahl zwischen Heck- oder Allradantrieb. Bei den Hecktrieblern stehen 245 PS/180 kW und eine Reichweite von 455 Kilometer oder 313 PS/230 kW samt 530 Kilometer mit einer Ladung zur Verfügung. Der Allradler bietet als Spitzenmodell 503 PS/370 kW, um bis zu 500 Kilometer weit zu kommen. Wir hatten zu Testzwecken den heckgetriebenen Long Range-P7+ zur Verfügung und erlebten die Kombination aus satter 313- PS-Kraft samt solidem Drehmoment von 450 Newtonmeter als passende Voraussetzung für eine augenscheinlich zuverlässige Reiselimousine. Es bewahrheitete sich außerdem auf unseren Touren, dass ein komfortabel abgestimmtes Fahrwerk entscheidend zum Wohlfühlen beitrug – zusammen mit dem vorbildlich abgeschirmten Außenlärm. Mittels verschiedenen Fahrprogrammen lassen sich Lenkung und Stromannahme variieren, aber ehrlich gesagt eignet sich der Wagen mehr fürs entspannte Dahingleiten, als dass man mit Schmackes über Berg und Tal wedelt. Das können Mitbewerber aus dem Hause Audi, BMW oder Mercedes mit Anspruch auf zackiges um die Kurven Jagen ausgeprägter.

Die Königsdisziplin liegt beim P7+ woanders: Er hat mit seiner 800-Volt-Spannung eine Top-Ladeleistung, wenn man den Weg zum entsprechenden Schnelllader nimmt. Dann saugt der Wagen Strom in rund zwölf Minuten von zehn auf 80 Prozent. Dies ist gegenwärtig in der Ladeleistungs-Arena tonangebend und könnte manch anderen das Fürchten lehren. Wir haben in der Praxis mehrheitlich von 30 auf 80 Prozent in 10 Minuten geladen. Da macht es Vergnügen, im Fahrzeug auf dem Bordcomputer zuzuschauen, wie rasant die fahrbereiten Kilometer gebunkert werden. Allerdings: Erstaunlicherweise trägt der Chinese eine vergleichsweise zurückhaltend fassende Batterie zu Markte. Mit netto 73 kWh sind auch bei stromlinienförmiger Fahrzeugkarosserie nicht mehr als 530 Kilometer runterzuspulen. Da wäre also noch Luft nach oben. Dabei sei auch die Bemerkung erlaubt, dass selbst 800-Volt-Autos durchaus mal AC-Strom laden. Dies gelingt im vorliegenden Fall nur mit 11 kW, was nach unserer Meinung eines solchen Fahrzeugs nicht würdig ist: nämlich an der heimischen Wallbox über acht Stunden für eine Vollladung angedockt bleiben zu müssen!

Was bietet einem dieses Auto? Da kommen wir im Prinzip schon ins Schwärmen, denn der von uns gefahrene Long Range P7+ ist stets vollausgestattet einschließlich solcher Annehmlichkeiten wie Panoramaglasdach, Massagefunktionen sowie beheizbaren und belüftbaren Vorder- und Rücksitzen aus Nappaleder – und das zu einem Preis wie von uns gefahren von 49.600 Euro. Ein Knaller im Wettbewerbsumfeld!

Unser Fazit nach der Testzeit: Abgesehen vom verbesserungswürdigen Strauß der allzu dienstfertigen Assistenten ist die Büchse der Pandora geöffnet, sprich: Der neue Xpeng P7+ ist ein sehr verführerisches Angebot. Es beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass da noch mehr möglich wäre – mit einer größeren Batterie und einer größeren Reichweite.

Autogramm

Xpeng P7+ Long Range

Typ: Limousine; Preis: 49.600 Euro; Länge: 5,07 Meter; Breite: 1,94 Meter; Höhe: 1,51 Meter; Radstand: 3,00 Meter; Leergewicht: 2100 Kilogramm; Zuladung: 485 Kilogramm; Kofferraum: 573-1931 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 313PS/230 kW; Drehmoment: 450 Newtonmeter; Spitze: 200 km/h; 0 auf 100 km/h: 6,2 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Eisenphosphat-Akku; Batteriekapazität: 73 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 530 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 11 kW: 8 Stunden 5 Minuten (5-100 Prozent), Ladestation Gleichstrom 446 kW: 10 Minuten (20-80 Prozent); Stromverbrauch (WLTP): 16,4 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 49 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland); Testverbrauch: 15,9 kWh.


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