


Dieses Auto fällt auf
Die Toyota-Tochter Lexus hat mit dem RZ 350e einen Elektriker im Programm, der nach der Modellpflege im vergangenen Jahr in seiner Basisversion mit größerer Batterie von nunmehr 77 kWh mehr Reichweite zu bieten hat. Damit stromert er über die 500-Kilometer-Grenze – theoretisch.
Von Gundel Jacobi
Was ist das für ein Auto? Der Lexus RZ gehört zu den Fahrzeugen, denen man deutlich ansieht, dass es ein Crossover und noch längst nicht aus der Zeit gefallen ist. Dies liegt einerseits an der SUV-Coupé-Form, aber auch an der mutigen Linien- und Kantenführung: Da traut sich Lexus mit einer Mischung von geometrischen Gebilden, die Augen der Betrachtenden mindestens zu überraschen – insbesondere vorne und hinten. Der Bug sieht mit mächtigen Wölbungen gleichzeitig geschnürt aus, was an den vielen stufenförmigen Linien liegen mag, die auch noch schräg und länger werdend von den Scheinwerfern bis beinahe an die Wagen-Unterkante reichen. Am Heck machen die Designer keinen Hehl daraus, alles daran zu setzen, die Breite des RZ zu betonen. Da mutet die davorliegende Fahrgastzelle schier zierlich an. Interessanterweise wirkt der RZ gar nicht so groß, wie er in Wirklichkeit ist, denn es fehlen ihm in der Außenlänge nur neun Zentimeter bis zur Fünfmetergrenze.
Wie fühlt man sich in diesem Auto? Da müssen wir schon ein wenig überlegen, denn es handelt sich um ein Auto, das man einerseits ziemlich schnell im Griff hat, das aber andererseits auch ein paar Eigenheiten aufweist. Wer dunkle Innenräume mag, ist im 350e gut aufgehoben. Die gewählte Executive-Ausstattung klingt ziemlich hochwertig, sie ist es auch, verkörpert in der RZ-Welt aber gerade mal die Basis, der noch weitere drei Ebenen nach oben folgen. Man ahnt, dass es sich nicht um ein nagelneues Modell handelt – erstmals 2023 auf den Markt gebracht: Der Hauptbildschirm sitzt recht tief in der Mittelkonsole, Becherhalter und Fahrstufenregler sind nicht so filigran angeordnet, wie man es heute machen würde – ganz abgesehen vom Klavierlack, der aktuell nur noch selten auftaucht.
Sobald der Rückwärtsgang eingelegt wird, nervt ein sirenenartiges Geräusch – das kann niemand mögen. Seltsam ist die Abwesenheit eines Handschuhfachs, dort befindet sich wohl ganz gewollt ein Heizsystem, das in der kalten Jahreszeit für besonders wohlige Wärme sorgt. Wir haben jedoch die Sommerhitze erwischt und das dortige Ablagefach vermisst. Dass nicht alle Eigenarten befremdlich sind, zeigen die Druckpunkte zum Öffnen der Türen: grundsätzlich eine gute Idee und praktisch, da man gleich in die Richtung drückt, in der die Portale aufgehen! Für den Notfall eines Stromausfalls gibt es allerdings auch kleine Zuggriffe.
Die Platzverhältnisse im Fond sind ganz manierlich. Beim Einsteigen muss man nur darauf achten, den Kopf ein wenig mehr einzuziehen, als man es vielleicht erwartet. Auch vorn ist die Höhe nicht reichlich. Nutzt man im Kofferraum das kleine Fach unterm Ladeboden und packt insgesamt bis oben hin, stehen einem 522 Liter Fassungsvermögen zur Verfügung. Nach Umlegen der Rücklehnen entsteht eine leicht nach oben ansteigende Fläche – alles in allem passen dann gut 1,4 Kubikmeter bis unters Dach. Schade nur, dass die Ladekante mit 76 Zentimeter ziemlich hoch liegt. Auf einen Frunk im Vorderwagen verzichten die Japaner, was vielleicht auch ein Zeichen einer gewissen Vergangenheit zeigt – neuerdings sind die Hersteller ganz wild auf jedes Fitzelchen Stauraum, wozu idealerweise auch ein Fach unter der vorderen Haube gehört. Möglich macht das der kleinere E-Motor.

Welchen Antrieb hat das Auto? Lexus setzt als Einstieg auf einen soliden Fronttriebler mit 227 PS/167 kW und nennt ihn RZ 350e. Das mag auf den ersten Blick merkwürdig aussehen, stellt aber auch hier eine Art Brücke zwischen dem Gestern und Heute her: Schluss mit konkreten Verbindungen zu Hubraum- oder Pferdestärken-/Kilowatt-Angaben! Es ist die Hinwendung zu künstlich erdachten Klassen. Der erste Elektro-RZ trug die Bezeichnung 300e, der jetzige um 23 PS leistungsgestärkte RZ firmiert unter 350e. Die beiden Kollegen darüber mit Allradantrieb hören aktuell auf 500e (380 PS) beziehungsweise 550e (408 PS) in der höchsten Leistungsstufe. Das ist alles ein bisschen um die Ecke gedacht? Vielleicht ja, zeugt aber immerhin von einem gewissen System, womit die Lexus-Denker nicht alleine dastehen. Andere Autobauer gehen ähnliche Wege.
Mit der vergrößerten 77-kWh-Batterie sind nicht zufällig auch zunehmende Reichweiten zu verzeichnen. Der 350e knackt schon mal die 500-Kilometer-Grenze – zumindest nach WLTP-Messung sind 559 Kilometer machbar. Wir wollten es nicht darauf ankommen lassen, die ultimative Reichweitenüberprüfung durchzuführen und haben uns entsprechend frühzeitig wieder an die Ladesäulen begeben. Mit einem Testverbrauch von 15,5 kWh waren wir gegenüber der Werksangabe von 14,7 kWh ganz zufrieden. Für ein leer zwei Tonnen wiegendes SUV war das im gemischten Stadt-Land-Verkehr ein ganz vorzeigbares Ergebnis – wobei wir nicht auf langen Autobahnstrecken unterwegs waren. Uns kam es so vor, dass die 18-Zoll-Reifen dem Abrollkomfort richtig gut tun. Da wir es in städtischem Gebiet häufiger mit Unebenheiten zu tun hatten, zeigte sich das Fahrwerk sehr willig, möglichst milde abzufedern. Von ebensolch gutmütigem Charakter waren wir auch auf Landstraßen angetan, wobei der RZ kaum Wankbewegungen zeigte, wenn wir es auf kurvenreichen Strecken mal etwas lockerer fliegen ließen. Nach den härteren Fahrprogrammen Richtung Sport hat es uns allerdings nicht gedürstet.
Der flinke RZ ist bei weitem kein Langweiler, der es nur auf braves Dahingleiten abgesehen hat. Aber ganz ehrlich: Von einem Lexus hätten wir nicht erwartet, dass bereits bei Tempo 160 abgeregelt wird. Wer die 180 erreichen will, muss zum Allradler greifen. Noch ein Wort zum Stromladen: Hier bewegt sich die DC-Schnelllademöglichkeit mit 150 kW im erwartbaren Rahmen, nämlich von zehn bis 80 Prozent in 30 Minuten – kein Weltwunder, eher Mittelmaß. Beim AC-Laden, beispielsweise an der Wallbox, bietet Lexus statt der üblichen 11 tatsächlich 22 kW, womit er eine volle Stromung in bemerkenswerten dreieinhalb Stunden hinkriegt.
Wen spricht das Auto an? Der Lexus RZ 350e ist etwas für Menschen, die in der gehobenen Mittelklasse nach einem Wagen schauen, der schon äußerlich für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgt und sich vom geglätteten Allerlei abhebt – Stichwort Crossover. Seine Stärken liegen in der soliden Verarbeitung, und es gibt neben einer nachvollziehbaren Menüführung auf dem Bildschirm vornehmlich noch Schalter zur direkten Bedienung an der Mittelkonsole sowie auf dem Lenkrad. Sein Fahrwerk ist tendenziell auf Komfort ausgelegt. Rekordwerte beim Schnellladen weist er nicht auf, aber mit einer möglichen Reichweite in der Praxis oberhalb von 450 Kilometer zeigt er sich klar mehr als alltagstauglich. Natürlich ist er kein Billigheimer, der Fronttriebler steht gut ausgestattet in der Executive-Basisausführung ab 57.100 Euro in der Preisliste. Wer indes Allradantrieb und mehr Leistung bevorzugt, ist beim 500e ab 63.000 Euro oder noch eins drüber beim 550e ab 78.700 Euro dabei.
Autogramm
Lexus RZ 350e Executive
Typ: SUV; Preis: 57.100 Euro; Länge: 4,91 Meter; Breite: 1,90 Meter; Höhe: 1,64 Meter; Radstand: 2,85 Meter; Leergewicht: 2070 Kilogramm; Zuladung: 450 Kilogramm; Kofferraum: 522-1451 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 227PS/167 kW; Drehmoment: 269 Newtonmeter; Spitze: 160 km/h; 0 auf 100 km/h: 7,5 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 77 Kilowattstunden (kWh); Reichweite (WLTP): 559 Kilometer; Wallbox Wechselstrom 22 kW: 3 Stunden 30 Minuten, Ladestation Gleichstrom 150 kW: 30 Minuten (10-80 Prozent), Stromverbrauch (WLTP): 14,7 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß: 51 Gramm/Kilometer (Strommix Deutschland); Testverbrauch: 15,5 kWh.

(Foto: bwk)

