Roter Rebell

Etwas mehr als drei Jahre gab es keinen Micra im Nissan-Modellprogramm. Lediglich eine Ankündigung ließ 2022 auf einen zu entwickelnden Nachfolger in der Kleinwagenklasse hoffen.

Von Paul-Janosch Ersing

Porträt von Paul-Janosch Ersing

Was ist das für ein Auto? „Dieses völlig neue Modell wird von Nissan entworfen und von Renault auf der Grundlage unserer neuen gemeinsamen Plattform entwickelt und hergestellt (…) und gleichzeitig den Nissan-Charakter beibehalten“, so die offizielle Ankündigung von Nissan. Ende 2025 wurde das Auto dann Realität, getauft auf den traditionsreichen Namen Micra, und seit einigen Monaten stromern die ersten Exemplare über deutsche Straßen. Bei der ersten Begegnung mit dem 3,97 Meter langen elektrischen Kleinwagen tauchen unvermittelt zwei Fragen auf: Ist das überhaupt noch ein Kleinwagen? Und: Wie lässt sich ein Bogen zu den historischen Micra-Baureihen schlagen?

Die zweite Antwort könnte die Mühe ins Feld führen, die sich das Nissan-Designteam bei dem Vorhaben gemacht hat, die technische Verwandtschaft zum Renault 5 E-Tec zu kaschieren. Keine Frage, die Grundform ist die gleiche – aber in vielen Details spricht der Micra eine rundlichere Sprache als der französische Cousin. Die Scheinwerfer-Gestaltung nimmt Anleihen an der von 2003 bis 2010 produzierten 3. Modellgeneration und erinnert gleichzeitig ein wenig an den aktuellen Fiat 600. Hinten nehmen die Heckleuchten die Kreisform auf und schaffen so einen gewissen Wiedererkennungswert.

Was bietet einem dieses Auto? Eine charmante Art der Fortbewegung, ohne dabei auf die Retro-Karte zu setzen. Wo der Renault außen vielleicht etwas überzeichnet wirkt, übt sich der Nissan in sympathischer Zurückhaltung. Abgesehen von ein paar gestalterischen Winzigkeiten (Piktogramme des Mount Fuji sind an zwei unterschiedlichen Stellen versteckt) bietet der Micra im Innenraum allerdings wenig Eigenständigkeit. Der Rotstift der Controller zeigt sich zum Beispiel am Fehlen von Haltegriffen am Dach – sehr hilfreich für ältere Leute, um sich zurechtzuruckeln, nachdem sie auf den Sitz geplumpst sind. Immerhin wird der dunkle Dachhimmel durch ein eingeprägtes Karomuster etwas aufgelockert. In den Lehnen der Vordersitze gibt es hinten kein nützliches Fach zum Transport wichtiger Dokumente.

Was für einen Antrieb hat das Auto? Aus mancher Perspektive mag der neue Micra etwas pummeliger wirken als seine Vorgänger, ist dabei aber alles andere als behäbig. Im Gegenteil: Er fährt stabil, flink und komfortabel – weil auf eine allzu harte Fahrwerksabstimmung verzichtet wurde. Die 150 elektrischen Pferdchen unter der Motorhaube erschienen uns während des zweiwöchigen Testzeitraums absolut ausreichend. Praktisch: Mit den Schaltwippen am Lenkrad kann der Grad der Rekuperation so stark gestellt werden, dass das Auto beim vollständigen Lupfen des Fahrpedals bis zum Stillstand abbremst.

Der kleine Akku (40 kWh) soll für bis zu 317 Kilometer reichen, beim größeren (52 kWh) sind es theoretisch bis zu 416 Kilometer. Konfrontiert mit dem Ernst des Alltags meldete der Bordcomputer bei 8 Grad Außentemperatur und randvoll geladenem Stromspeicher einen prognostizierten Radius von 314 Kilometern. Mit einer maximalen Ladeleistung von 100 kW zählt der Micra zwar nicht zu den Supersprintern im Ladepark, eignet sich aber dennoch für weitere Strecken.

Wie fühlt man sich in diesem Auto? Wer sich im Konfigurator für eine der beiden Farbtöne Authentic Blue (eine Art Schlumpfeis-Blau) oder Rebel Red entscheidet, zieht die Blicke von Passanten jedweden Geschlechts auf sich. Das sollte man wissen und vertragen können. Weil die Armaturen ziemlich weit nach oben ragen, sitzt man ein bisschen wie hinter einer kleinen Video-Wand – abgeschottet vom Verkehrstreiben vor einem. Auf dem Doppel-Display läuft ein angenehm schnelles Google-System, das sich auch per Sprachbedienung steuern lässt.

Was werden wir nie vergessen? Auf Höhe der Schulterlinie außen zieht sich von der Ecke des Scheinwerfers bis zum Ende der Fondtür eine Vertiefung durch die Karosserie. Die Nissan-Designerinnen und Designer nennen es „Ice Cream Scoop“ und erschaffen damit die Vorstellung, diese Linie mit einem Eiskugel-Portionierer in das Ton-Modell gezogen zu haben. Für Schnäppchenjäger ist der Nissan übrigens nichts. Sonst läge der Preis des Einstiegsmodells mit 40-kWh-Akku (ab 27.990 Euro) nicht über dem des baugleichen Renault 5, der ab 26.290 Euro zu haben ist.

Autogramm

Nissan Micra (52 kWh) Advance

Typ: Kleinwagen; Preis: 32.990 Euro; Länge: 3,97 Meter; Breite: 1,77 Meter; Höhe: 1,49 Meter; Radstand: 2,54 Meter; Leergewicht: 1527 Kilogramm; Zuladung: 403 Kilogramm; Kofferraum: 326/1106 Liter; Sitze: fünf; Motor: Elektromotor, Permanentmagneterregte Synchronmaschine; Leistung: 150PS/110 kW; Drehmoment: 245 Newtonmeter; Spitze: 150 km/h (abgeregelt); 0 auf 100 km/h: 8,0 Sekunden; Batterietyp: Lithium-Ionen-Akku; Batteriekapazität: 52 Kilowattstunden (kWh); Reichweite: 416 Kilometer; Ladeleistung Gleichstrom (DC): 100 kW; Stromverbrauch (WLTP): 14,3 kWh/100 Kilometer; CO2-Ausstoß (deutscher Strommix 2025: 344 g/kWh): 49 g/km; Testverbrauch: 16,4 kWh/100 km.


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